ARABISCHE LITERATUR, GESCHICHTE

DIE JÂHILIYYA, ODER DIE SOGENANNTE „ZEIT DER UNWISSENHEIT“.
Die Jâhiliyya, ein Wort, dessen Wurzel auf Unwissenheit verweist, bezeichnet die vorislamische Zeit, und zwar nicht nur wegen des Heidentums, das zuvor auf der Arabischen Halbinsel herrschte, sondern auch im Gegensatz zu der Weisheit und dem Wissen, die der Islam brachte und in der Region und darüber hinaus zur Entfaltung brachte.
Dennoch war diese Zeit, rein literarisch betrachtet, keineswegs frei von Aktivität. Es handelte sich zwar im Wesentlichen um Dichtung, doch um eine üppige und in Metrik wie Themen höchst kunstvolle Dichtung. Es sei daran erinnert, dass die arabisch-beduinische Gesellschaft ihr Erbe nahezu ausschließlich mündlich weitergab und dabei dem Gedächtnis einen großen Stellenwert einräumte: dem epischen Gedächtnis, dem genealogischen Gedächtnis und dem literarischen Gedächtnis.
Die Dichtung lag am Schnittpunkt all dieser Anforderungen, denn sie hielt die Heldentaten der Stämme und ihrer bekannten Mitglieder fest und bot zugleich eine literarische Form, die dem Auswendiglernen zuträglich war. Der Dichter hatte daher in dieser Gesellschaft eine zentrale Rolle, und sein Talent bestimmte, mit welcher Kraft die Stimme eines Stammes sowohl bei den Zeitgenossen als auch bei der Nachwelt Gehör fand.
Dichterwettstreite wurden anlässlich von Märkten veranstaltet, die alljährlich stattfanden. Diese großen Märkte, auf denen die Stämme zusammenkamen, ermöglichten es den Dichtern, ihre jüngsten Kompositionen vor einem größeren Publikum vorzutragen.
Eine Reihe herkömmlicher Themen war fest etabliert. Der Prolog bestand häufig aus einem Innehalten oder einer Betrachtung der Überreste oder Spuren des Lagerplatzes der Geliebten. Dies erlaubte es, die empfindsame Seite der Zuhörerschaft wiederzubeleben.
Darauf folgte eine Reiseerzählung, in der die Beschreibung der Kamelstute einen wichtigen Platz einnahm. Nach diesen Einleitungen kam der Dichter zur Sache: Es konnte sich um Prahlerei, Lobpreis, Klagelied, Rittererzählung, Satire oder aber um galante oder bacchische Verse handeln.
Die berühmtesten Stücke jener Zeit, die uns überliefert sind, sind die berühmten Muʿallaqât, oder „Die Aufgehängten“, die ihren Namen dem Umstand verdanken, dass sie an den Mauern der Kaaba aufgehängt gewesen sein sollen, so sehr wurden sie verehrt. Ihre Zahl wird je nach den Autoren, die sie überliefern, auf 6 bis 10 geschätzt. Allen vorgebrachten Listen sind jedoch 5 Dichternamen gemeinsam: Imru’u al-Qays, Tarafa Ibn Shaddâd, Zuhayr Ibn Abî Salma, ‘Amr Ibn Kulthûm und Labîd.
DIE KORANISCHE PERIODE
Der koranische Text hat aufgrund seiner Heiligkeit und seines als göttlich betrachteten Ursprungs eine beträchtliche Rolle bei der Herausbildung der arabischen literarischen Prosa gespielt. Zunächst in technischer Hinsicht war das heilige Buch die erste Referenz der Grammatiker. Die korrekte Sprache hatte somit den Koran als unumgängliche Quelle, und fand man darin das gesuchte sprachliche Element nicht, so griff man auf die Dichtung zurück, die den Vorteil hatte, wörtlich auswendig gelernt worden zu sein und keine Veränderung zu erfahren.
In stilistischer Hinsicht weist der Koran zahlreiche literarische Formen auf: Erzählung, Gebot, Gleichnisse usw. Er ist auch reich an Stilfiguren. Er ist zunächst fast vollständig in Reimprosa verfasst, in einem Rhythmus, der dem psalmodischen Vortrag förderlich ist, insbesondere die Suren der mekkanischen Zeit. Sodann ist er reich an Assonanzen, Metaphern, Allegorien usw. Da der heilige Text an zahlreichen Stellen seine Unnachahmlichkeit behauptet, brachte er die arabischen Autoren sehr früh in eine paradoxe Lage: Der koranische Text drängte sich faktisch als Vorbild auf, konnte sich aber aus Anstand nicht zu einer Nachahmungsübung eignen.
Doch die Reimprosa setzte sich nach seinem Vorbild sehr weitgehend durch und neigte bisweilen zum Übermaß und zum Manierismus.
Die Hadithe, die Worte und Handlungen des Propheten, haben ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entstehung der arabischen Literatur gespielt, da der Gesandte Gottes als der beredteste der Araber galt. Da die Texte jedoch häufig dem Sinn und nicht der Form nach überliefert wurden, konnten sie bei der Herausbildung der Grammatik nicht vollständig als Referenz dienen. Die Zeit der Anfänge des Islams ist vor allem durch die Einführung des religiösen Themas in die Dichtung gekennzeichnet. Der Lobpreis des Propheten als besonderes Thema entstand zu dessen Lebzeiten. Die berühmte Burda des Kaʿb Ibn Zuhayr, eines bekannten Dichters und Gefährten des Propheten, gab das Maß für eine Gedichtform vor, die noch heute nachgeahmt wird.



DIE UMAYYADISCHE PERIODE
Das wesentliche Ereignis, das die arabische Literatur in umayyadischer Zeit prägt, ist die Verlagerung der Macht in den Shâm (die syrische Region), und zwar genauer nach Damaskus, aber auch die Schaffung eines ausgebildeten Staates.
Der Auszug aus der Arabischen Halbinsel, die entstehende Verwaltung und das Hofleben prägten örtlich das Aufkommen einer Hofdichtung und einer Prosaproduktion, die vornehmlich der Erziehung der Fürsten diente. Es ist das Adab, das man heute mit „Literatur“ übersetzt, das aber ursprünglich den „Anstand“ bezeichnet.
Die Adab-Werke sind im Grunde das Gegenstück zu den „Fürstenspiegeln“ im Abendland. Sie bestehen ursprünglich hauptsächlich aus Briefen und Ratschlägen zum Gebrauch der Mächtigen. Es ist auch die Zeit, in der man beginnt, die griechischen, persischen und indischen Werke zu übersetzen. Ein Name, den man sich merken sollte, ist der von Abdallah Ibn Muqaffaʿ (720–756).
Es ist üblich, diesen persischen Autor als Vater des Adab zu bezeichnen, da er mehr als jeder andere dazu beigetragen hat, diese literarische Gattung zu formalisieren. Als Sekretär der umayyadischen und sodann der abbasidischen Verwaltung prägte er den Übergang zwischen dieser Zeit und der folgenden.
Das Hofleben veränderte zwar die literarischen Themen nicht grundlegend, wohl aber den Status der Dichter. Diese, denen das Wort in der Stammesgesellschaft eine bedeutende Macht verlieh, sahen sich häufig zum Rang von Höflingen herabgewürdigt, die ihre Verse an den Meistbietenden verkauften. Es war im Grunde der Beginn des Lobpreises und der berufsmäßigen Satire. Parallel dazu brachten die Städte der Arabischen Halbinsel weiterhin eine traditionellere Dichtung hervor, mit großen Namen der höfischen Themen wie ʿUmar Ibn Abî Rabîʿa (644–719).
Unter den großen Dichtern seien ferner Farazdaq (gestorben 728) und sein Widersacher Jarîr (gestorben 728) genannt, deren Wortgefechte zu den berühmtesten der arabischen Literatur zählen. Es wäre ungerecht, Qays (gestorben 688) zu übergehen, genannt Majnûn Layla, der Närrische [aus Liebe] zu Laila, der zum Sänger einer platonischen Liebe wurde, die weit über den Rahmen der arabisch-muslimischen Kultur hinausging.
DIE ABBASIDISCHE UND MITTELALTERLICHE PERIODE
Das umayyadische Reich brach im Jahr 750 zusammen und machte dem abbasidischen Reich Platz, das sich in Bagdad niederließ. Man kann diese Zeit nicht behandeln, ohne an den berühmtesten Kalifen der Epoche zu denken, Harun al-Rashîd (763–809), und an Tausendundeine Nacht, die seinen Namen verewigten. Es ist jedoch ein Irrtum, diese berühmten Erzählungen als eine bedeutende Gattung der arabischen Literatur zu betrachten. Denn es handelte sich in Wirklichkeit nur um volkstümliche Geschichten, die in einer mehr oder weniger „vulgären“ Sprache weitergegeben wurden.
Wenn dieses Werk nach gewissen Maßstäben durchaus bewundert werden darf, so kommt ihm doch in den Augen der Gebildeten jener Zeit keinerlei Bedeutung zu. Im Übrigen ist anzumerken, dass die Fiktion im Allgemeinen in der arabisch-muslimischen Welt bis in die Neuzeit hinein schlecht angesehen blieb.
Die Ausnahmen sind nicht minder sehr berühmt. Dies ist der Fall bei den Erzählungen von Kalîla wa Dimna, einer Art Vorläufer der Fabeln La Fontaines, die von Ibn Muqaffaʿ aus dem Pehlevi übersetzt und bearbeitet wurden und Tiere auftreten lassen. Dies gilt auch für die Maqâmât.
Diese eigentümliche literarische Gattung, die von Badîʿ al-zamân Al-Hamadhânî (968–1008) begründet wurde, lässt eine Figur auftreten, die ihren Lebensunterhalt durch Beredsamkeit und List zu verdienen sucht. Auch dies war ein Mittel, um die schöne Sprache durch Unterhaltung zu lehren.
Während der abbasidischen Zeit waren die Sammlungen literarischer Themen eine sehr geschätzte Form. Einer der Meister der Gattung, der überaus berühmte Jâhiz (776–867), vermochte über so unterschiedliche Gegenstände zu schreiben wie die Tiere (oder Lebewesen im weiteren Sinne), die Geizigen, die Vorzüge der Schwarzen gegenüber den Weißen, die Türken, die Kaufleute, neben herkömmlicheren Themen wie der Rhetorik.
Abû Al-Faraj Al-Isfahânî (897–967), ein weiterer großer Name dieser vielseitigen Literatur, ist namentlich der Verfasser des berühmten Kitâb Al-ʿAghânî, oder Buch der Lieder, das Gesänge und biografische Notizen über deren berühmte Autoren und Interpreten versammelt.
Vom Prunk der abbasidischen Höfe und sodann der anderen Dynastien durchdrungen, neigte die Dichtung naturgemäß zu größerer Verfeinerung und bisweilen zu mehr Freizügigkeit. So verkörperte die bacchische Dichtung namentlich Abû Nuwas, der Sänger des Weines schlechthin.
Was den berühmtesten arabischen Dichter aller Zeiten betrifft, Al-Mutanabbî (915–965), so glänzte er durch sein Talent als Lobredner und Satiriker, aber auch durch seine Schlachtbeschreibungen, seine Weisheiten und seine Philosophie in Versen.
Zu dieser Literatur kommt unter anderem die Geschichtsschreibung hinzu, mit großen Namen wie Ibn Khaldûn (1332–1406), der als Vater der Soziologie gilt; aber auch die Reiseberichte, mit dem unermüdlichen Entdecker Ibn Battûta (1304–1377), der, wie man sagt, mehr als 120 000 km zurücklegte. Sie können Idris de Vos für Arabischunterricht kennenlernen.


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