Proxemie: Hoffen, verzweifeln und zürnen

Hoffen

تَمَنّى / رجا

Nach der verbreitetsten Ansicht beruht der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen im Wesentlichen auf einem Unterschied der Wahrscheinlichkeit. Das رَجاء ist ein Wunsch, der in Reichweite zu sein scheint. Was das تَمَنِّي betrifft, so ruft es eine oft unwahrscheinliche oder geradezu unwirkliche Hoffnung hervor.

Es wird auch gesagt, dass der Begriff رجاء einen Wunsch hervorruft, der durch Handlungen gestützt wird, die auf seine Verwirklichung zielen, während der Begriff تَمَنِّي einen Wunsch hervorruft, der nicht durch Handlungen gestützt wird. Was sich mit der ersten Unterscheidung deckt: wenn man handelt, um einen Wunsch zu verwirklichen, ist es wahrscheinlicher, ihn zu erreichen, als wenn man passiv bleibt. Im koranischen Text erscheint dieses Wort oft in einem Kontext von Anstrengungen, die mit dem erwähnten Wunsch verbunden sind, doch handelt es sich höchstwahrscheinlich eher um eine Begleiterscheinung als um eine notwendige Verbindung.

تمنّى

قُلْ إِنْ كَانَتْ لَكُمُ الدَّارُ الْآخِرَةُ عِنْدَ اللَّهِ خَالِصَةً مِنْ دُونِ النَّاسِ فَتَمَنَّوُا الْمَوْتَ إِنْ كُنْتُمْ صَادِقِينَ

Sprich: „Wenn die letzte Wohnstätte bei Gott euch vorbehalten ist, vor allen anderen Menschen, so wünscht euch den Tod, wenn ihr aufrichtig seid.“ (2,94)

وَلَا تَتَمَنَّوْا مَا فَضَّلَ اللَّهُ بِهِ بَعْضَكُمْ عَلَى بَعْضٍ

Begehrt nicht die Gunst, mit der Gott die einen von euch vor den anderen ausgezeichnet hat. (4,32)

أَمْ لِلْإِنْسَانِ مَا تَمَنَّى فَلِلَّهِ الْآخِرَةُ وَالْأُولَى

Oder soll der Mensch haben, was er begehrt? Gott [gehören] das letzte und das erste Leben. (53,24-25)

رجا

فَمَنْ كَانَ يَرْجُو لِقَاءَ رَبِّهِ فَلْيَعْمَلْ عَمَلًا صَالِحًا وَلَا يُشْرِكْ بِعِبَادَةِ رَبِّهِ أَحَدًا

Wer die Begegnung mit seinem Herrn erhofft, der vollbringe gute Handlungen und geselle niemanden in der Anbetung seines Herrn bei. (18,110)

إِنَّ الَّذِينَ يَتْلُونَ كِتَابَ اللَّهِ وَأَقَامُوا الصَّلَاةَ وَأَنْفَقُوا مِمَّا رَزَقْنَاهُمْ سِرًّا وَعَلَانِيَةً يَرْجُونَ تِجَارَةً لَنْ تَبُورَ

Diejenigen, die das Buch Gottes verlesen, das Gebet verrichten und im Verborgenen oder offen von dem, was Wir ihnen beschert haben, spenden, setzen ihre Hoffnung auf einen Handel, der nicht zugrunde gehen wird. (35,29)

وَلَا تَهِنُوا فِي ابْتِغَاءِ الْقَوْمِ إِنْ تَكُونُوا تَأْلَمُونَ فَإِنَّهُمْ يَأْلَمُونَ كَمَا تَأْلَمُونَ وَتَرْجُونَ مِنَ اللَّهِ مَا لَا يَرْجُونَ وَكَانَ اللَّهُ عَلِيمًا حَكِيمًا

Erlahmt nicht in der Verfolgung dieser Leute. Wenn ihr leidet, so leiden auch sie, wie ihr leidet. Doch ihr, ihr erhofft von Gott, was sie nicht erhoffen können. Gott ist allwissend, weise. (4,104)

Verzweifeln

قنَط ــَـ / يئِس ــَـ

Die Bedeutungsnuance zwischen diesen beiden Begriffen, die „die Verzweiflung“ bedeuten, ruft recht weitreichende Meinungsverschiedenheiten hervor. Manche betrachten diese beiden Verben als gleichwertig. Andere behaupten, dass يئس stärker ist als قنط, indem sie sich insbesondere auf die folgenden Verse stützen:

إِنَّهُ لَا يَيْأَسُ مِن رَّوْحِ اللَّهِ إِلَّا الْقَوْمُ الْكَافِرُونَ

Nur die Leugner verzweifeln an der Milde (Güte, Wohltätigkeit, geistigen Ausströmung) Gottes. (12,87)

قَالَ وَمَن يَقْنَطُ مِن رَّحْمَةِ رَبِّهِ إِلَّا الضَّالُّونَ

Er sagte: „Und wer verzweifelt an der Barmherzigkeit seines Herrn, außer den Irregegangenen?“ (15,56)

Nun ist die „Leugnung“ schwerwiegender als der „Irrtum“.

Andere sind, ebenfalls gestützt auf diese beiden Verse, der Ansicht, dass das Wort قنط eine weitere Bedeutung hat, denn es schließt die Verzweiflung in Bezug auf die gewährten Wohltaten ein, während يئس nur die Beseitigung der Übel betrifft. Die Linguisten behaupten nämlich, dass das Wort رَوْح in der Regel die Barmherzigkeit in ihrem Aspekt der Errettung bezeichnet, während die رحمة die Wohltätigkeit und die Errettung umfasst.

In dieser Perspektive würde يئس also „an der Errettung verzweifeln“ bedeuten, während قنط „an allem verzweifeln“ bedeuten würde (das heißt sowohl an der Errettung als auch an der Wohltätigkeit).

Der Zorn

غَيْظ / غَضَب / سَخَط

Manche Linguisten betrachten das غَضَب und das سَخَط als gleichwertig. Andere behaupten, dass das سَخَط dem ersten Grad des Zorns entspricht. Gestützt auf den Koran betrachten andere es als Ausdruck des Gegenteils des Wohlgefallens (رِضَى): aus diesem Blickwinkel ist es noch ein geringerer Grad des Zorns.

Die Wurzel des Wortes غَضَب ruft die Kraft und die Festigkeit hervor. Der Begriff derselben Wurzel غَضْبة bezeichnet so „einen festen Stein“. Linguisten behaupten, dass das غَضَب von dieser ursprünglichen Bedeutung abgeleitet wäre.

Es ist allgemein anerkannt, dass das Wort غَيْظ einen sehr intensiven Zorn hervorruft; doch sagen manche paradoxerweise im Gegenteil, dass es den Beginn des Zorns bezeichnet. Andere fügen hinzu, dass es sich um den Zorn handelt, den man zurückhält und den man nicht zeigen kann oder will. In einem recht ähnlichen Sinne sehen andere im غَيْظ den inneren Zustand des Zorns und im غَضَب die Haltung, die ihn zum Ausdruck bringt. Der Gebrauch dieses Begriffs im Koran in Bezug auf die Hölle ruft ein recht deutliches „Brodeln“ oder ein „Aufwallen“ hervor: jene, die ihn als den Beginn des Zorns verstehen, sehen darin das Aufwallen, das dem Überlaufen vorausgeht; und jene, die ihn als die Intensität des Zorns verstehen, sehen darin den Gipfel des Anfachens oder des Siedens. والله أعلم

وَبَاءُوا بِغَضَبٍ مِنَ اللَّهِ

Sie haben sich den Zorn Gottes zugezogen. (3,112)

أَفَمَنِ اتَّبَعَ رِضْوَانَ اللَّهِ كَمَنْ بَاءَ بِسَخَطٍ مِنَ اللَّهِ وَمَأْوَاهُ جَهَنَّمُ وَبِئْسَ الْمَصِيرُ

Ist derjenige, der das Wohlgefallen Gottes sucht, gleich dem, der sich den Zorn Gottes zuzieht und für den die Hölle die Wohnstätte sein wird? Welch ein verabscheuungswürdiges Los. (3,162)

وَإِذَا خَلَوْا عَضُّوا عَلَيْكُمُ الْأَنَامِلَ مِنَ الْغَيْظِ قُلْ مُوتُوا بِغَيْظِكُمْ إِنَّ اللَّهَ عَلِيمٌ بِذَاتِ الصُّدُورِ

Und wenn sie sich zurückziehen, beißen sie sich vor Wut gegen euch in die Finger. Sprich: „Sterbt an eurer Wut! Gott weiß, was die Brüste bergen!“ (3,119)

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